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Das dritte Geschlecht

- Transsexuelle, Transvestiten und Androgyne -

Mit Ratgeberteil


S. 008 VORWORT

Transsexualität gehört zu den faszinierendsten Persönlichkeitsthemen, die es gibt. Die Hartnäckigkeit allerdings, mit der meisten Menschen das Thema ignorieren, ist immer wieder erstaunlich. Begegnet ihnen dann mal eine Transsexuelle, haben sie meist nur Verachtung für diesen »Perversen« übrig. Ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, daß das sich-der-Öffentlichkeit-preisgeben das Ende eines langen Kampfes und zugleich der Beginn eines neuen, meist glücklicheren Lebens ist.

Ich war jedenfalls sehr gespannt, auf welche Menschen ich bei meinen Interwiews treffen würde.

 

Menschen wie ich, die im psychosozialen Bereich arbeiten und tagtäglich mit den Sorgen und Nöten anderer Menschen umgehen, sind oft hin- und hergerissen zwischen Faszination vor dem so ganz anderen Leben; dem Impuls, helfen zu wollen - und sei es nur durch Zuhören; aber auch Sympathie, Humor und Erstaunen vor der Bürgerlichkeit, die sich oft hinter der »exotischen« Fassade zeigt.

In der Begegnung mit den Transsexuellen kam aber noch etwas anderes dazu: Die Auseinandersetzung mit Männern und Frauen, die keine mehr sind; Frauen, die Männer waren; Männer, die gerade die letzten Reste ihres weiblichen Körpers abstreifen; und Männer, die sich ab und zu in eine Frau verwandeln.

Bei den Frau-zu-Mann-Transsexuellen ertappte ich mich dabei, in ihren Gesichtern und Gesten die Frau zu suchen, die ich irgendwo in ihnen vermutete. Erfolglos. Klaus, den ich noch ohne Bart kannte, hatte inzwischen dieses untrügliche Zeichen männlicher Hormone; Jens ebenfalls. Einer von ihnen war zu der Zeit, als ich noch mit männlichen Prostituierten arbeitete, ein »Klient« - d.h. er - noch »sie« - kam auf der Suche nach sich selbst gelegentlich vorbei und unterhielt sich mit mir. Er hatte mit Prostitution eigentlich nichts am Hut. Daß er dennoch bei mir gelandet war, zeigt die Ratlosigkeit vieler Transsexueller, die nicht wissen, wohin sie mit ihrem Anliegen gehen sollen.

Bei manchen Mann-zu-Frau-Transsexuellen lagen die Reste des männlichen Lebens deutlicher an der Oberfläche: ihre Körpergröße, manchmal sehnigen Arme, vor allem aber die tiefen Stimmen gaben sie - oft zu ihrem Leidwesen - noch immer als Frauen, die Einmal Männer waren, aus. Andere wiederum hätte ich nicht als »Ex-Mann« erkannt, wenn ich sie auf der Straße getroffen hätte. Bei einigen traf ich auch auf einen »Macho in Frauengestalt«. Ich mag diese Frauen, wenn auch aus den genannten Gründen, die sie mir vielleicht verübeln würden.
Schnell begriff ich auch die große Empfindlichkeit, die Transsexuelle oft im Gepäck ihrer Persönlichkeit mit sich herumtragen. Und bei allen Transsexuellen war die Erleichterung spürbar, auf der anderen Seite angekommen zu sein und endlich ein normales Leben führen zu können - ganz im Unterschied zu denen, die sich (noch) in ihren Vor- und Zwischenformen, Travestie und Transvestismus, aufhalten. Dort fand ich mehr Aufregung - manchmal auch Erregung -, die Geschlechter je nach Belieben wechseln zu können. Bei Klaus/Claudie war ich selbst am deutlichsten mit der Grenze zwischen Mann und Frau konfrontiert, warscheinlich auch deshalb, weil er die sexuelle Dimension des Transvestitismus so unverhohlen und atmosphärisch zum Ausdruck brachte.

Und Mary/Steffen und Klaus haben mich mit der Skurrilität von Travestie, Aldi-Tüten, Bädertourneen und Cruising-Areas in Kontakt gebracht. Obwohl Travestie-Künstler mit Transsexuellen in der Regel nicht zu tun haben, hält die Öffentlichkeit Travestie und Transsexualismus oft nicht auseinander und verbindet folglich mit diesem Thema meistens schillernde, juchzende oder Zarah-Leander-schmetternde Showstars. Umso notwendiger wird es, mit diesem Vorurteil endlich aufzuräumen.

Beziehungen waren ein wichtiges Thema in allen Interwiews: schmerzliche Beziehungen zu Eltern, vor allem den Vätern, zu Ehepartnern und Kindern. Gisela interwiewte ich gleich zweimal: während ich das erste Gespräch noch überarbeitete, überstürzten sich bei ihr die Dinge. Sie trennte sich von ihrem Mann, und es war unmöglich, aus der neuen Sichtweise ihrer Ehe das erste Gespräch zu überarbeiten. Das zweite Gespräch ist ein neuer Blickwinkel auf ihr Eheleben, und erst im Kontrast dieser beiden Sichtweisen eröffnet sich ein verstehender Zugang zu einem tiefen Zweifel, der Transsexuelle oft begleitet. Ich bin ihr sehr dankbar, daß sie damit einverstanden war, die erste, nicht mehr stimmige Version neben der zweiten, aktuelleren stehenzulassen.

Aber es gab auch anderes: Das Berliner Busfahrer-Ehepaar Cornelia und Christel, die inzwischen fast pragmatisch mit der Transsexualität umgehen: Rouver und Jessica in ihrer behutsamen und loyalen »Vater-Mutter«-Sohn-Beyiehung. Das läßt hoffen und - so romantisch und vielleicht unpassend es an dieser Stelle scheinen mag - zeigt, daß Liebe auch auf einer sehr tiefen Ebene existiert, die nichts mit der männlichen oder weiblichen »Hülle« zu tun hat.

Am spannendsten war für mich die immerwährende Konfrontation mit dem, was wir als männlich oder weiblich bezeichnen - und auch fühlen. So unscharf und klischeehaft es wird, wenn wir Erklärungen dazu abgeben, so notwendig ist es für die Gutachter, diese Frage immer eindeutig zu beantworten und zu belegen. Aber wie wissen wir, was männlich und was weiblich ist? Diese Frage ist mir geblieben.

Daß in diesem Buch überwiegend zwei Chirurgen erwähnt werden, die ganz entscheidend bei der Realisation des Wunschgeschlechtes sind, hat meist mit lokalen Vorlieben zu tun. Hätte ich mich z.B. im Frankfurter Raum mit Transsexuellen unterhalten, stünden hier vielleicht andere Namen.
An dieser Stelle möchte ich mich auch bei Ben Behnke bedanken, der den Anstoß für dieses Buch gegeben hat; bei Christin- Susan Back, die ich für den Ratgeberteil gewinnen kkonnte und die aus ihrer subjektiven Erfahrung heraus einige Stationen transsexellen Lebens salopp erzählt; bei Rainer Leibbrand, der hinter den Kulissen für dieses Buuch geackert hat; und natürlich bei allen, die durch ihre Offenheit in den Gesprächen hoffentlich zu einer differenzierteren Betrachtung von Transsexualismus, Transvestitismus und Travestie beigetragen haben.

Birgit Bader, Hamburg im März 1995


 

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